Terenci Moix: Der Traum der Kleopatra; Kabel Verlag München, 2001

S. 14-15

 

WAR ES TATSÄCHLICH Kleopatra Septima, diese gebeugte Gestalt, die sich so mühsam aus ihrer Kajüte die Treppe emporschleppte, wimmernd wie eine Alte im Todeskampf? War dies die bezauberndste Königin der Welt, diese Ansammlung schwarzer Tücher, die sich auf den Arm ihres Ersten Beraters stützte, um ein paar kleine Schritte zu machen?

Ihr Erscheinen, obwohl es herbeigewünscht war, enttäuschte den Hof. Die Priester niederer Ränge warfen Essenzen und Duftstoffe in großer Fülle auf die goldenen Räucherpfannen, und Soldaten, eben noch in recht lässigen Posen über das Deck verstreut, bildeten nun eilig ein Spalier, einer heiligen Straße gleich, und nahmen die einer wichtigen Zeremonie angemessene Haltung ein. Die nubischen Sklaven rückten den Thron mit dem Baldachin zurecht, und die Gruppe der vertrautesten Höflinge plazierte sich in dessen Nähe. In größter Eile wurde der blinde Harfner herbeigeschafft, die Lautenspielerinnen stimmten ihre zarten Instrumente, und auch die Tänzerinnen, Seiltänzer und der Märchenerzähler erschienen.

Doch angesichts dieser vorzeitig gealterten Frau legte sich Totenstille über das ganze weite Deck. Alle Festvorbereitungen wurden eingestellt, ohne daß irgendein Befehl ergangen wäre, denn niemand konnte sich der allgemeinen Enttäuschung entziehen. Zofen, Eunuchen, Gaukler, Tänzerinnen, Sklaven und Matrosen standen unbeweglich da, die Augen fest auf dieses Paar gerichtet. Die beiden glichen Klageweibern, die man anmietet, damit sie bei den Grablegungen des hohen Adels nach Belieben weinen.

Mit dem verschleierten Gesicht, dem verhüllten, gekrümmten Körper, war die arme Frau kaum wiederzuerkennen. Der edle Sosigenes jedoch trat auf wie immer. Er war die gleiche ehrfurchtgebietende Person, die seit den frühen Tagen des Bürgerkriegs, als Kleopatra ihren Gatten und Bruder, den Milchbart Ptolemaios besiegt und sich des ägyptischen Throns bemächtigt hatte, immer an ihrer Seite gestanden hatte. Sosigenes, einst ihr Erzieher und bewährter Berater, diente ihr heute als Stütze und Stab, als Blindenführer, der ihren taumelnden Schritten den Weg wies.

Kleopatra blickte auf ihre Umgebung, ohne etwas wahrzunehmen. Das trauernde Schiff fand seine Entsprechung in den Gruppen der betrübten Menschen, die sich am Ufer versammelten. Doch selbst diese Würdigung ihres Schmerzes berührte Kleopatra nicht.